Hans Scheib

 

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STORIELLA
Es war einmal in vergangenen Tagen, da kam der ewige Wanderer nach Poppi. Er lies sich nieder an einem Hang unterhalb des Kastells, um hoch überm Tal des Flusses Arno ein wenig zu rasten. Müdigkeit übermannte ihn, er glaubte, als letztes vor dem Einschlafen eine zarte Frau in der etwas diesigen Luft zu sehen, die weit die Arme breitete und lächelnd auf ihn nieder schaute. Im Erwachen juckte es ihn im Rücken, gleich bei den Schulterblättern, und wie er sich kratzen wollte, da fühlte er, dass ihm Flügel gewachsen waren, große, wenn auch zarte Flügel. Wie es in seinem Gemüt lag, wollte er sie gleich ausprobieren, um seine ewige Reise fortzusetzen. Doch da stand es wieder vor ihm, das zarte Weib, das er vor dem Einschlafen gesehen hatte. Mit weit gebreiteten Armen wies sie über die Welt, lächelte wie vorhin und sagte: „Mein Freund, ich frage Dich, weißt du, was deine Aufgabe ist?“ Er wusste selbstverständlich, wozu er auf der Welt war und antwortete getreulich: „Ich bin zum Wandern da.“ Sie lächelte, wie ihm schien, noch milder, und sprach auf eine Weise, dass er ihr für den Rest seines Lebens gern nur noch zugehört hätte: „Höre und verstehe, was deine Pflicht von nun an, was deine heiligste Aufgabe ist, bis ich dich wieder entlasse, wenn ich dich wieder entlasse, denn das setzt voraus, dass du deine Aufgabe erfüllst, und das wiederum, wisse! liegt in deiner Hand oder sagen wir besser, auf deinem Rücken, mein lieber Wanderer, und so rühre denn deine frischen, jungen Flügel als ein zielstrebiger Wanderer der Lüfte und fliege und finde, was zu finden dir aufgegeben, und bringe es her zu mir, und falls einer fragt, wem du dienest, so sage meinen Namen ruhig an, sprich mir nach: Endora.“ Er sagte: „Dora.“ Sie sagte: „En-Dora, mein lieber, denn ich bin die eine Dora, die Dora des Einen und Guten, Endora, Hüterin der Ruhe, welche in die Welt zurückgeholt werden muß, weil meine Zwillingsschwester sie einst aus ihr vertrieben hat.“ Da war ihm, als hätte sie einen Zauberstab gerührt, doch dessen bedurfte sie gar nicht, hatte nur wieder die Arme auf ihre anmutige Art ausgebreitet, könnte auch sein, nur ihre Stimme hatte bewirkt, was er nun hörte in dem Augenblick, wo er selbst sich erhob, nämlich, dass rings um ihn her sich andere erhoben, ein Summen die Lüfte erfüllte und ein munterer Schwarm von Fliegern, die auf seltsame Weise ihm glichen, sich aufmachte, scheinbar von innen her wissend wohin, wie Zugvögel Richtung Süden.

Uwe Kolbe 2006

Albergo San Lorenzo - Mostre d'Arte - Piazza Bordoni 2-5 - 52014 Poppi - Italia - Tel.: +39 0575 520176